Abstracts der Vorträge

Ringvorlesung Gewalt und Geschlechterverhältnisse – Nicht/Sichtbarkeiten, Ausgrenzungen, Interventionen (Wintersemester 2022)

Die Vorträge werden online via Zoom übertragen. Alle Vorträge ab 25.10. finden mit Schriftdolmetschung statt. Bitte nützen Sie unser Online-Anmeldeformular, um an den Online-Vorträgen teilnehmen zu können. Studierende melden sich bitte über u:space für die Lehrveranstaltung an.

(Link: Allgemeine Informationen zur Ringvorlesung)


Ksenia Meshkova: Geschlecht und Gewalt aus der Sicht der soziologischen Gewaltforschung: Kontrollierende Gewalt und Weiblichkeitskonstruktionen in den Narrativen von jungen gut ausgebildeten Frauen aus Sankt Petersburg, Russland (18.10.2022)

Achtung, Terminänderung! Der Vortrag findet am 18.10. statt am 11.10 statt.

Abstract: In Ihrem Vortrag wird Ksenia Meshkova Ergebnisse Ihrer Doktorarbeit präsentieren. Dabei beschäftigt sie sich mit der Frage, was Intimpartnergewalt mit den Genderrollen und Geschlechterkonstruktionen zu tun hat. Anhand von biographischen Interviews und thematischen Analyse mit jungen gut ausgebildeten Frauen aus Sankt Petersburg, die Gewalt in ihren Beziehungen erlebt haben, geht sie die Frage nach, wie Frau-,  Mannsein und heterosexuellen Beziehungen konstruiert werden und wie diese Konstruktionen die Beziehungsgewalt unterstützen und bestätigen. Ihr besonderer Fokus liegt dabei auf kontrollierender und oft unsichtbarer Gewalt (coercive control).

Ksenia Meshkova promoviert im Fach Gender Studies an der Humboldt Universität zu Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind häusliche Gewalt und Gewalt in Paarbeziehungen, Femizid, Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Weiblichkeits- und Männlichkeitskonstruktionen sowie Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen. Ksenia Meshkova unterrichtet derzeit an der Evangelischen Hochschule Berlin (ehb) und Fachhochschule Potsdam. Außerdem ist sie als Redaktionsmitglied im Open Gender Journal und Koordinatorin der Early Career Researchers' Day im European Network on Gender and Violence aktiv.

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Hanna Hacker: Täter*innen, Kämpfer*innen, Rächer*innen: Gegen/Gewalt im feministischen Diskurs (25.10.2022)

Abstract: Ich werde zunächst einen kritischen Überblick über verschiedene sozial- und kulturwissenschaftliche Konzepte von „Gewalt“ präsentieren. Wie hat sich ein feministischer bzw. intersektioneller Gewaltbegriff entwickelt, was kann und will er umschließen, welche Fragen wirft er auf?

Vor dem Hintergrund dieser Fragen und Konzepte stelle ich mehrere eigene Forschungsschwerpunkte zur Diskussion. Mit queerfeministischem und post-/dekolonialem Anspruch geht es mir dabei jeweils um die Geschichte von Imaginationen und Normierungen, die sich mit Gewaltverhältnissen verbinden, um das Potenzial von Gegenwehr, Gegendiskursen, Gegenentwürfen und immer wieder um deren Begrenztheit.
Ein Schwerpunkt widmet sich der Zuschreibung von Aggression als „lesbische“ Markierung und exemplifiziert dies am prominent rezipierten Fall des „mörderischen“ Schwesternpaares Papin, 1933. Ein weiterer konzentriert sich auf den Selbst- und Kollektiventwurf des radikalen „revenge feminism“ als einem historisch spezifischen Verständnis von Geschlecht, Gewalt und Rebellion in den Anfängen der westlichen Neuen Frauen*bewegungen

Hanna Hacker ist habilitierte Soziolog*in und Historiker*in mit Arbeitsschwerpunkten in den Postcolonial und Cultural Studies in feministischer und queerer Perspektive. Sie hat als Lektor*in und Professor*in an mehreren österreichischen Universitäten, an der CEU Budapest und an der Université Yaoundé I (Kamerun) gelehrt und zu Geschlechtertheorien, Frauenbewegungen, Sexualitäten und internationaler Ungleichheit geforscht und publiziert. In feministisch-lesbisch-queeren Kontexten ist sie seit den 1970er-Jahren aktiv. Buchveröffentlichungen zum Thema der Ringvorlesung u.v.a.: Gewalt ist: keine Frau. Der Akteurin oder eine Geschichte der Transgressionen (U. Helmer Verlag 1998); Queer Entwickeln. Feministische und postkoloniale Analysen (Mandelbaum Verlag 2012).

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Regina Mühlhäuser/Christa Hämmerle/Sabine Grenz: Sexuelle Gewalt im Krieg. Zur Un/Sichtbarkeit eines Phänomens (15.11.2022)

Abstract: Sexuelle Gewalt in kriegerischen Konflikten wird vor allem dann zum Thema öffentlicher Auseinandersetzung, wenn es um die Diffamierung eines (z.B. militärischen, nationalen oder ethnischen) Anderen geht. Im beginnenden Kalten Krieg etwa wurden die Vergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee am Ende des Zweiten Weltkriegs ein vielfach skandalisiertes Thema in Westdeutschland, Westeuropa und den USA. Solcherart öffentlichen Redens über sexuelle Gewalt orientierte sich allerdings nicht vornehmlich am faktischen Geschehen. Abweichende Akteurskonstellationen (etwa sexuelle Gewalt durch Wehrmacht, SS und ihre Kollaborateure oder auch durch westalliierte Soldaten) wurden ebenso ausgeblendet wie die Frage, wie Frauen* und Mädchen diese Form von Gewalt unter patriarchalen Vorzeichen erlebten. Die realen Täter und Betroffenen tauchten in den Debatten kaum auf. Es wurde weitgehend beschwiegen, wer wem was wann und warum antat, und welche individuellen, sozialen und gesellschaftlichen Folgen dies hatte. Auf dem Podium wollen wir der Frage nachgehen, wie wir diese „kommunikativen Spielregeln“ beschreiben und verstehen können: Welche Vorannahmen werden gemacht? Was wird dabei unsichtbar? Und hat sich unser Verständnis durch die Neukonzeption von sexueller Gewalt als Kriegswaffe in jüngerer Zeit verändert?

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Ines Hohendorf: Gewalt in Beziehungen junger Menschen vor dem Hintergrund internalisierter geschlechtsspezifischer Rollenstereotype (29.11.2022)

Abstract: Viele Menschen haben beim Thema Partnergewalt ein gewisses, stereotypes Bild vor Augen: geballte Männerfäuste und vielleicht die ein oder andere Frauenhand, die temperamentvoll einen Besenstil schwingt. Geschlechterstereotype machen Männer kulturell zu Tätern und Frauen zu Opfern durch ein sozial konstruiertes Bild von geschlechtsspezifischem Handeln im Kontext Gewalt. Der Vortrag soll zeigen, dass dieses Bild empirisch nicht zwangsläufig der Realität entspricht.

Im Zentrum des Vortrags steht die Ergebnispräsentation einer bundesdeutschen Opfer- und Täterbefragung der Referentin aus dem Jahr 2017. Anliegen war die Erfassung von Opferwerdung und Täterschaft von jungen Frauen und Männern (14- bis 25-Jährige) unter der Prämisse der Messung des sozialen Geschlechts der Befragten. Damit sollte ein Beitrag zur gendersensiblen Grundlagenforschung in der Kriminologie geliefert und zugleich ein erster Vorstoß in die Forschungslücke zu Beziehungsgewalt junger Menschen in Deutschland unternommen werden mit dem Ziel, Schlussfolgerungen für die nationale kriminologische Forschung und Praxis im Bereich Partnergewalt ziehen zu können.

Neben Zahlen zu Opferwerdung bzw. Täterschaft werden insbesondere auch Opfer-Täter-Zusammenhänge als ein Wechselspiel von Viktimisierung und Täterschaft im Kontext von Beziehungsgewalt und Geschlechterstereotypie präsentiert.

Dr. Ines Hohendorf hat ein Bachelorstudium der Germanistik und Soziologie sowie ein Masterstudium der Soziologie und Kriminologie absolviert. Ihre Masterarbeit zu Bewältigungsstrategien bei Beziehungsgewalt wurde 2014 im Rahmen der „Tübinger Schriften und Materialien zur Kriminologie“ veröffentlicht. Ihre Dissertation „Geschlecht und Partnergewalt. Eine rollentheoretische Untersuchung von Beziehungsgewalt junger Menschen“ erschien 2019 in der Nomos-Schriftenreihe „Kriminalsoziologie“. Sie arbeitet seit 2015 als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Ihre Forschungsschwerpunkte betreffen die zivile Sicherheit und Geschlechterforschung.

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Andrea Kraus: Perspektiven auf Gewalt, Geschlecht, Gewaltprävention und Selbstverteidigung (13.12.2022)

Abstract: Dieser Vortrag wird sich mit Studien und Fakten in Bezug auf alltägliche Gewalt und Geschlecht befassen. Was sind „typische“ Gefahrenorte und Gewaltsituationen, denen Menschen im europäischen Raum ausgesetzt sind? Es werden außerdem unterschiedliche Zugänge vorhandener Gewaltpräventions- und Selbstverteidigungskonzepte beleuchtet. Die Fragen „Was bedeuten die Phänomene Gewalt, Gewaltprävention, Selbstverteidigung und deren Zusammenhang zu Geschlecht“ wurden im Rahmen einer qualitativen Dissertationsstudie an unterschiedliche Expertinnen und Experten gerichtet?

Feministische Selbstverteidigungskonzepte befassen sich beispielsweise damit, die Normalität von Gewalt in unserer Gesellschaft sichtbar zu machen und geschlechtersensible Präventionsstrategien dagegen zu entwickeln. Gewaltpräventionsangebote in der Schule sind nur dann erfolgreich, wenn das Gesamtsystem Schule mit allen Beteiligten (Schüler*innen, Lehrpersonen, Eltern, Direktion) miteinbezogen wird. Militärische oder polizeiliche Gewaltprävention setzt sich häufig durch ein „show of force“ durch, bei dem die eigene Macht gezeigt, aber nicht unbedingt physische Gewalt eingesetzt wird.

Auf Basis von hermeneutischen Analysen, Expert*innenwissen und dessen Deutung konnten im Rahmen der eigenen qualitativen Studie erweiterte Modelle für Gewaltprävention und geschlechtersensible Selbstverteidigung entwickelt werden, die in der Vorlesung vorgestellt und diskutiert werden.

MMag.a Dr.in Andrea Kraus ist Lehrerin für Bewegung und Sport und Deutsch am Sportgymnasium St. Pölten, Josefstraße; Universitätslektorin am Institut für Sportwissenschaft der Universität Wien (Geschlechtersensibles Unterrichten, Selbstverteidigung und Zweikampfsport); und Mitglied des Frauenforum Bewegung und Sport.

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Jennifer Eickelmann: „Wenn der Troll den Laden kauft …“. Digitale Öffentlichkeiten, Grenzen der Redefreiheit und Ethik der Verletzbarkeit (17.01.2023)

Abstract: „Wenn der Troll den Laden kauft“ – so betitelte Alexander Demling, der Silicon-Valley-Korrespondent des SPIEGEL Anfang April 2022 einen Artikel über das Vorhaben des Tesla-Gründers und Tech-Milliardärs Elon Musk, die Plattform Twitter zu kaufen. Im Zentrum der öffentlichen Debatte zu diesem aufsehenerregenden Investment stand einmal mehr eine Meinungsfreiheit, die es unbedingt zu retten gelte. Der Vortrag problematisiert die Differenz von Hassrede und Redefreiheit im Kontext digitaler Teilöffentlichkeiten und zeigt ihre komplexen Bedingungskonstellationen und Voraussetzungen auf. Auf dieser Grundlage werden anhand aktueller Ereignisse Herausforderungen mit Blick auf die Regulierung digitaler Zeichen diskutiert. Mit der Einführung einer Ethik der Verletzbarkeit im digitalen Zeitalter wird eine alternative Perspektive vorgeschlagen, die sich jenseits der Verteidigung einer entgrenzten Redefreiheit wie auch einer konsensuellen Regulierung digitaler Zeichen bewegt.

Jennifer Eickelmann ist Juniorprofessorin für Digitale Transformation in Kultur und Gesellschaft an der FernUniversität in Hagen. Zuvor war sie wiss. Mitarbeiterin am Lehrgebiet für Soziologie mit dem Schwerpunkt Soziale Ungleichheit und Gleichstellungsbeauftragte der Fakultät Sozialwissenschaften an der TU Dortmund. 2017 promovierte sie am Institut für Medienwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum mit einer Arbeit zur Materialität mediatisierter Missachtung. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen an der Schnittstelle von Medientheorie, Ungleichheits-/Kultursoziologie sowie Gender/Queer Media Studies und beschäftigen sich mit der digitalen Transformation von Subjektivierungsprozessen und affektiven Öffentlichkeiten, insbesondere im Kontext digitaler Gewalt, sowie dem digitalen Wandel des Kuratorischen im Kontext von Museen.

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