Logo der Universität Wien

Sara(h) Ba(a)rtman(n) (von Barbara Metzler)

Vorbemerkung

Die Auseinandersetzung mit dem Leben von Sara(h) Ba(a)rtman(n)1 stellt die sich mit ihr Beschäftigenden vor eine Reihe von miteinander zusammenhängenden Herausforderungen. So muss erstens gefragt werden, wie eine Person betrachtet werden kann, die Zeit ihres Lebens und darüber hinaus angeschaut wurde. Zweitens muss darauf geachtet werden, eine viktimisierende Perspektive zu verhindern und Sara(h) Ba(a)rtman(n) nicht als monströses Opfer einer monströsen Kolonialgeschichte zu repräsentieren, wie dies allzu oft geschehen ist. Drittens muss schließlich beachtet werden, dass Sara(h) Ba(a)rtman(n) auch ein Leben in Südafrika hatte, das um einiges länger war, als ihre wenigen Jahre in England und Frankreich, die zumeist erinnert werden.

Auf die derart benannten Herausforderungen wird wie folgt eingegangen. Erstens wird in der folgenden biographischen Narration die Nennung des Namens, unter dem Sara(h) Ba(a)rtman(n) in England und Frankreich auftrat vermieden um rassifizierende und sexualisierende Blickmuster möglichst nicht zu wiederholen. Zweitens wird in der folgenden biographischen Narration darauf Wert gelegt, widerständige Momente im Handeln Sara(h) Ba(a)rtman(n)s sichtbar zu machen. Drittens wird in der folgenden biographischen Narration versucht, dem Leben Sara(h) Ba(a)rtman(n)s in Südafrika Raum zu geben. Diesem Versuch ist auch die Nennung verschiedener Männer, die in unterschiedlicher Beziehung zu Sara(h) Ba(a)rtman(n) standen, geschuldet.

Beachtet werden muss, dass von Sara(h) Ba(a)rtman(n) selbst neben einer Taufurkunde nur zwei Zeugnisse überliefert sind, die allerdings Übersetzungen darstellen und daher möglicherweise von Verzerrungen betroffen sind. Diese mehr als fragile Quellenlage, die in biographischen Annäherungen nur teilweise problematisiert wird, führt dazu, dass die vielen existierenden Biographien zu Sara(h) Ba(a)rtman(n) tatsächlich als biographische Erzählungen verstanden werden müssen, die durch unterschiedliche Kontexte und Interessen der jeweiligen Autor_innen geprägt sind. Auch bei den nachfolgenden Ausführungen handelt es sich um eine biographische Narration, die auf anderen biographischen Narrationen aufbaut.

Biographische Narration

Sara(h) Ba(a)rtman(n) wurde vermutlich Ende der 1770er Jahre in Südafrika geboren.2 Nach einer Kindheit im kriegerischen, kolonialen Grenzgebiet in Kapstadt arbeitete sie zunächst bei einem deutschstämmigen Schlachter und ab ungefähr 1803 bei Hendrick Caezars, einem „free black", der wiederum Diener des britischen Arztes Alexander Dunlop war. Zu dieser Zeit führte Ba(a)rtman(n) eine Beziehung mit einem Holländer, mit dem gemeinsam sie auch ein Kind hatte, das später starb. Als Alexander Dunlop 1809 seine Stelle verlor, entwickelte er mit Caezars die Idee, sein Geld mit der Zurschaustellung Ba(a)rtman(n)s in England zu verdienen. Bereits in Kapstadt hatte Dunlop Tanzauftritte von Sara(h) Ba(a)rtman(n) arrangiert. So reisten Ba(a)rtman(n), Caezar und Dunlop 1810 nach England, wo Ba(a)rtman(n) in Piccadilly vorgeführt wurde und reichlich Publikum anzog. Auch die African Institution, eine abolitionistische Vereinigung, wurde auf Ba(a)rtman(n) aufmerksam und brachte Caezar wegen Sklaverei vor Gericht. Da sie selbst jedoch aussagte, sie würde nicht gegen ihren Willen vorgeführt, wurde der Schausteller freigesprochen.3 Es folgten weitere Auftritte, unter anderem in Manchester, wo Sara(h) Ba(a)rtman(n) sich auch taufen ließ.4 Nach dem Tod Dunlops 1812 wurde Ba(a)rtman(n) von ihrem neuen Impresario nach Paris gebracht, wo Wissenschaftler Interesse an Ba(a)rtman(n)s Körper fanden und diesen zeichneten und vermaßen. Nach ihrem frühen Tod 1815 erhielt Georges Cuvier, einer dieser Wissenschaftler ihren Leichnam zur Sektion. Bis 1982 war ein Gipsabdruck Sara(h) Ba(a)rtman(n)s Körper sowie ihr Skelett im Pariser Musée de l'homme ausgestellt, ihr Gehirn und ihre Genitalien wurden in Glasbehältern im Magazin des Museums verwahrt. Nach hartnäckigen Verhandlungen zwischen Südafrika und Frankreich wurden die körperlichen Überreste Sara(h) Ba(a)rtman(n)s erst am 9. August 2002 in der Nähe von Kaptstadt beerdigt.

Quellen:

  • Abrahams, Yvette (2003): Colonialism, dysfunction and disjuncture: Sarah Baartman's resistance (remix). In: Agenda: Empowering women for gender equity, 17:58, S.12-26
  • Baderoon, Gabeba (2011): Baartman and the Private: How Can We Look at a Figure that Has Been Looked at Too Much? In: Gordon-Chipembere, Natasha (Hrsg.): Representation and Black Womanhood. New York: Palgrave MacMillan. S.65-84
  • Crais, Clifton; Scully Pamela (2009): Sara Baartman and the Hottentot Venus. A Ghost Story and a Biography. Princeton, Oxford: Princeton University Press.
  • Holmes, Rachel (2007): The Hottentot Venus. The Life and Death of Saartje Baartman: Born 1789 - Buried 2002. London: Bloomsburry Publishing.
  • Mitchell, Robin (2010): Another Means of Understanding the Gaze: Sarah Bartmann in the Development of Nineteenth-Century French national Identity. In: Willis, Deborah (Hrsg.): Black Venus 2010. They called her "Hottentot”. Philadelphia: Temple University Press. S.32-46
  • Ndlovu, Siphiwe Gloria (2011): "Body” of Evidence: Saartjie Baartman and the Archive. In: Gordon-Chipembere, Natasha (Hrsg.): Representation and Black Womanhood. New York: Palgrave MacMillan. S.17-30
  • Ritter, Sabine (2010): Facetten der Sarah Baartman. Repräsentationen und Rekonstruktionen der „Hottentottenvenus". Berlin: LIT Verlag

Endnoten:

(1) Die gewählte Schreibweise soll verdeutlichen, dass bereits der Name von Sara(h) Ba(a)rtman(n) umstritten ist. Ihr ursprünglicher Khoisan-Name ist unbekannt. Von ihrem englischen Namen, auf den sie in Manchester getauft wurde, existieren unterschiedliche Schreibweisen und vor ihrer Taufe wurde sie Saartje genannt. Gegen die heutige Verwendung von „Saartjie" spricht der darin enthaltene Diminuitiv „tjie", dem im Afrikaans generell zwei unterschiedliche Funktionen zukommen. Er weist auf eine kleine Größe hin oder drückt Zuneigung aus. In Kontexten, in denen ein Individuum Macht über ein anderes ausübt zeigt der Diminuitiv aber auch ebendiese Unterordnung an. Während des Kolonialismus, aber auch zu Zeiten der Apartheid wurde der Diminuitiv dementsprechend von Weißen genutzt um der Beherrschung von Schwarzen Menschen Ausdruck zu verleihen. Einen Namen um den Diminuitiv zu erweitern wurde so zum rassistischen Sprechakt.

(2) Die Angaben zu Sara(h) Ba(a)rtman(n)s Geburtsjahr bewegen sich zwischen den 1770er Jahren und 1789.

(3) Diese Aussage spricht auch jene frei, die die Zurschaustellungen Sara(h) Ba(a)rtman(n)s besucht haben. Ihre Freiwilligkeit muss im Kontext der Zeit hinterfragt werden.

(4) Nach Yvette Abrahams kann dies als widerständiger Akt gewertet werden.

Kontakt

T: +43-1-4277-18452


Referat Genderforschung
Campus d. Universität Wien
Spitalgasse 2-4 / Hof 1.11
1090 Wien

Öffnungszeiten der
StudienServiceStelle:
DI 15-17 Uhr
Do 12-14 Uhr

Termine außerhalb der Öffnungszeiten sind nach Vereinbarung möglich.

Bibliothek:
DI 14-17 Uhr
DO 13-16 Uhr

E-Mail Studium:
spl.genderstudies@univie.ac.at

E-Mail allgemein:
office.rgf@univie.ac.at
Universität Wien | Universitätsring 1 | 1010 Wien | T +43-1-4277-0