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Päpstin Johanna (von Florine Steurer)

Für mich persönlich ist es schwierig, eine mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit fiktive Person als Teil einer Ausstellung, welche sich mit Repräsentationspolitik auseinandersetzt, zu verwenden. Doch bei einer Recherche lassen sich kaum seriösen Quellen finden, die die Existenz der einzigen Frau an der katholischen Spitze sichern würden. Die Quellen, die sich zur Päpstin finden lassen, gehen meist davon aus, dass sie erfunden wurde.

"Bei Päpstin Johanna (auch Johannes Anglicus, in anderen Varianten der Legende auch Jutta, Frau Jutte, Gilberta, Agnes oder Glancia genannt) handelt es sich um einen Legendenstoff. Von Historikern wird die Päpstin Johanna als fiktive Gestalt eingestuft." (http://www.theology.de/themen/die-paepstin---die-paepstin-johanna.php)

So berichtet zumindest die Sage von einer ursprünglich namenlosen Päpstin, die gegen Ende des 11. Jahrhunderts amtiert haben soll. Diese habe als Mann verkleidet ihr Amt angetreten, weil Frauen als Päpstin undenkbar waren (aus der Chronica universalis Mettensis des Jean de Mailly und der Tractatus de diversis materiis predicabilibus des Stephan von Bourbon um die Mitte des 13. Jahrhunderts). Erweitert wurde die Erzählung durch den Dominikanermönch Martin von Troppau, der in seiner 1277 veröffentlichten Chronik auch noch die Schwangerschaft und Niederkunft der Päpstin während einer Prozession beschrieb- wobei bei dieser Version davon ausgegangen wird, dass die Päpstin im 9.Jhdt amtiert haben soll. Martins Version der Legende bildet auch die Basis der Version in der Schedelschen Weltchronik, die ebenfalls weite Verbreitung fand. Auch erwähnt sie Bartolomeo Platina 1479. Im Verlauf der Geschichte wird ihr dann später der Name Johanna gegeben.(vgl. http//kathpedia.com/index.php?title=Päpstin)

Nun stellt sich die Frage, wie diese fiktive Figur in den Kontext der Ausstellung gelangen konnte bzw. welche Tat, Schrift, Kunstwerk oder Ideen sie zu einer der präsentierten Frauen gemacht hat. Für mein persönliches Interesse ist Johanna deshalb eine interessante Figur, weil sie Grenzen überschritt indem dass sie sich als Mann ausgab und somit auch ihre eigene Ungläubigkeit an die männliche Herrschaft und den Ausschluss von Frauen in der Kirche bewies. Wobei sich hier für mich auch eine gewisse paradoxe Lage ergibt, weil sie auf der einen Seite streng gläubig sein musste (sonst wäre es ja nicht ihr Ziel gewesen, sich in der Institution Kirche zu etablieren). Auf der anderen Seite schien sie aber nicht an interne Regeln und Bräuche zu glauben, denn diese konnte sie- sollte es sich tatsächlich so abgespielt haben- als Frau, die sich als Mann ausgibt um das Amt des Papstes zu erreichen, umgehen.

Weiters ist für mich folgende Überlegung interessant: Angenommen eine Frau hätte tatsächlich geschafft, sich durch Verkleidung und Körpersprache authentisch wirkend als Mann auszugeben- so wäre dies ein durchaus gelungenes Fallbeispiel dafür, wie Geschlecht hergestellt wird- und somit kein naturhaftes ist. Hier lösen sich im Beispiel der (fiktiven) Päpstin die Grenzen der dichotomen Zweigeschlechtlichkeit auf, weil sie ja nicht nur die verkleidete Frau, sondern auch den (fiktiven) amtierenden Papst darstellt. Doch inwiefern kann eine Person, die mit höchster Wahrscheinlichkeit nie existiert hat, sich als ein Beispiel einer interessanten und wichtigen Person, welche einer Repräsentation bedarf, eignet, ist für mich fragwürdig. Das "Fehlen von Frauen" (vgl. Schmitz 2015) durch ein "Fehlen von realen Frauen" zu ersetzten, scheint mir nicht als ein gelungener Versuch, Repräsentationspolitik zu verändern.

Quellen:

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