Logo der Universität Wien

Maria Magdalena (von Miriam Kienesberger)

Dass Sichtbarkeit ambivalent sein kann, indem sie mit negativer Determinierung und voyeuristischer Ausbeutung einhergeht (vgl. Schade & Wenk 2011: S. 105), lässt sich gut an der Repräsentationsgeschichte von Maria Magdalena nachvollziehen. Bei dem Versuch sich ihrer Biografie anzunähern, ist jedoch das Dilemma zu bedenken, dass mit dem Aufzeigen der Gewalttätigkeit von Darstellungen, auch die Gefahr verbunden ist, diese zu reifizieren. Vor allem hinsichtlich der Konstruktion Marias als Sünderin gilt es das zu berücksichtigen. Doch trotz dieser Problematik habe ich mich dafür entschieden, jener Erzählung Raum zu geben, da sie den Diskurs über Maria Magdalena bedeutend beeinflusst. Diese Konstruktion einfach zu „verschweigen" und damit nicht infrage zu stellen, erscheint mir daher ebenfalls heikel.

Bei Maria aus Magdala handelt es sich um eine Frauenfigur aus dem Neuen Testament, dabei ist über die historische Person nur bekannt, dass sie Jüdin war und aus dem galiläischen Ort Magdala stammte (vgl. Petersen 2011a: 7, 274f.). Die Näherbestimmung ihres Namens durch einen Ort deutet darauf hin, dass sie weder verheiratet war, noch Angehörige in der Jesusbewegung hatte (vgl. Petersen 2011b). Das Fehlen männlicher Verwandter bedeutet dabei nicht, dass ihr Leben nicht in Bezug auf einen Mann erzählt und definiert wird. So gilt es kritisch zu beachten, dass die Jesusfigur als zentraler Kristallisationspunkt ihrer Repräsentation formuliert wird.

Maria Magdalena nimmt in den Texten des Neuen Testaments die Rolle der Nachfolgerin Jesu und Zeugin von Kreuzigung, Grablegung sowie Auferstehung ein. Aus den Apokryphen des frühen Christentums geht sie als Lieblingsjüngerin Jesu hervor, die besondere Offenbarungen erhält. Im Mittelalter wurde sie dann zum Inbegriff der reuigen Sünderin (vgl. ebd.). Dieses Bild wurde durch die Verschmelzung dreier Frauengestalten des NT geprägt. Maria Magdalenas Heilungsgeschichte aus dem Lukas Evangelium, in der erzählt wird, wie Jesus ihr 7 Dämonen austreibt, wurde mit der direkt davor erzählten Episode über die namenlose Sünderin, die Jesus die Füße salbt, angereichert. Dadurch erhielt Maria aus Magdala eine sexuell „sündige" Vergangenheit. Auch Maria aus Bethanien, die Jesus im Johannes Evangelium salbt, wurde mit Magdalena identifiziert, wobei eine kombinierte Lektüre dieser Salbungsgeschichten zum Namen Maria für die anonyme salbende Sünderin führte (vgl. Petersen 2011a: S. 10fff, 26). Anhand dieser Erzählungen wird deutlich, wie Jesus als aktiver, handlungsmächtiger Part konstruiert wird, während Maria (und andere Frauen) eine reaktive, passive und auch dienende/ unterwürfige Rolle zugewiesen wird. Dabei scheint ihr Schicksal in völliger Abhängigkeit zu seinem Wirken zu stehen. Dies ist insofern problematisch, da Repräsentationen zur „Naturalisierung der gesellschaftlichen Verteilung von Macht(positionen)" (Schade & Wenk 2011: S. 105) dienen können.

Als Folge der Identifikation mit der Sünderin wurde die wichtigste Jüngerin Jesu und Zeugin der Osterereignisse über Jahrhunderte hinweg primär als ehemalige Prostituierte wahrgenommen. Und obwohl das Zweite Vatikanische Konzil die Verschmelzung aufhob (vgl. Petersen 2011a:. S. 238), ist dieser Mythos im Bewusstsein des westeuropäischen Christentums fest verankert. Die Verdrängung der Apostolin war keine zufällige harmlose Verwechslung, sondern hat mit patriarchalen Geschlechterkonstruktionen zu tun. Die unterschiedlichen Magdalenenvorstellungen sind als Prototyp des „Imaginären Weiblichen" zu sehen, als Spiegel des jeweiligen Frauenbildes. Trotz alledem darf nicht Marias Mut und Selbstbestimmtheit vergessen werden. Sie entschied sich entgegen gesellschaftlicher Rollenerwartungen zur Jesusnachfolge und stand als Jüngerin, Zeugin und Apostolin bis zum Kreuz und darüber hinaus zu ihm (vgl. Taschl-Erber 2007: S. 641, 646f), trotz der (Lebens-) Gefahr, die für sie damit einherging (vgl. Petersen 2011b).

Quellen:

  • Petersen, Silke 2011a: Maria aus Magdala. Die Jüngerin, die Jesus liebte. Biblische Gestalten Bd. 23, Leipzig, Evangelische Verlagsanstalt.
  • Petersen, Silke 2011b: Maria aus Magdala, unter: http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/51979/ (12.03.15).
  • Schade, Sigrid & Silke Wenk 2011: Repräsentationskritiken und Politiken der Sichtbarmachung, in dies.: Studien zur visuellen Kultur. transkript: Bielefeld. S. 104-120.
  • Taschl-Erber, Andrea 2007: Maria von Magdala - Erste Apostolin? Joh 20,1-18: Tradition und Relecture, Herder: Freiburg/Basel/Wien.
Kontakt

T: +43-1-4277-18452


Referat Genderforschung
Campus d. Universität Wien
Spitalgasse 2-4 / Hof 1.11
1090 Wien

Öffnungszeiten der
StudienServiceStelle:
DI 15-17 Uhr
Do 12-14 Uhr

Termine außerhalb der Öffnungszeiten sind nach Vereinbarung möglich.

Bibliothek:
DI 14-17 Uhr
DO 13-16 Uhr

E-Mail Studium:
spl.genderstudies@univie.ac.at

E-Mail allgemein:
office.rgf@univie.ac.at
Universität Wien | Universitätsring 1 | 1010 Wien | T +43-1-4277-0