Logo der Universität Wien

Lise Meitner 1878-1968 (von Anna Stefanie Fischerlehner)

Die biographische Auseinandersetzung mit dem Leben Lise Meitners erscheint zunächst relativ einfach, gibt es doch zahlreiche Quellen, online und in gedruckter Form, die über das Wirken und Schaffen der bekannten österreichischen Kernphysikerin zu informieren wissen. Daran Anschluss findet jedoch die Frage, wie Meitners Biografie narrativ aufgearbeitet wird, welche Momente und Personen in den Mittelpunkt gerückt werden, was erzählt und was ungesagt bleibt. Aber auch, aus welcher Perspektive, Blickwinkel und Position heraus Meitners Lebensgeschichte betrachtet wird. Anders ausgedrückt, es geht um die Repräsentation.

Die gesammelten biografischen Erzählungen zu Meitners Arbeit fokussieren sich hauptsächlich auf die Entdeckung der Kernspaltung, wodurch ihr Name unweigerlich an ihren Forschungskollegen und Chemiker Otto Hahn gebunden wird. Ihre Lebensgeschichte wird somit großteils rund um ihre Arbeit mit Hahn vermittelt, deren Freundschaft, die über zahlreiche Briefe relativ gut dokumentiert ist, unterschiedlich interpretiert wird. Auszüge aus ihrem regen Briefverkehr, vor allem nach Meitners Flucht ins schwedische Exil, lassen auf eine ambivalente Beziehung schließen, was zu zahlreichen Lesarten und Deutungen ihrer Zusammenarbeit führte. Vor diesem Hintergrund wird Meitner nicht nur eine Schwärmerei für Hahn nachgesagt, sondern rund um die „Nicht-Verleihung" des Nobelpreises, die Ehre kam nur ihrem Kollegen zu Teil, ihre persönliche Leidensgeschichte konstruiert (Rife 1990, 13f). Lises Biografie scheint ohne die Nennung ihres Kollegen, sowie die Fokussierung auf die gemeinsame Arbeit mit Hahn nicht zu „funktionieren", zählt doch die physikalische Deutung der Kernspaltung scheinbar zu ihren größten (wissenschaftlichen) Leistungen. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass Meitner immer wieder darauf gepocht hat, nicht in den Schatten ihres Kollegen gestellt und als selbstständige Wissenschaftlerin anerkannt zu werden (ebd., 330). Doch passiert genau das, wenn mensch auf die Biografie Hahns blickt und feststellen muss, dass Meitner, ganz im Gegensatz zu ihrer biografischen Aufarbeitung, erst am Schluss seines "Lebenswerkes" in Erscheinung treten darf (vgl. dazu Link 1 und Link 2).  

Die folgende Kurzbiografie über Meitner zeigt nur einen kleinen Ausschnitt ihres Lebens und kann nur als eine mögliche Lesart ihres Schaffens verstanden werden, da dieser knapper Lebenslauf nicht nur durch seine Quellen geprägt wird, sondern auch durch den Fokus der Autorin selbst.

Lise Meitner wird als drittes von acht Kindern 1878 in Wien geboren. Obwohl Lise, genau wie ihre Geschwister, in das Geburtsbuch der israelitischen Kultusgemeinde eingetragen wird, werden die Kinder im protestantischen Glauben erzogen. Daher fühlt sich Meitner dem Judentum nie recht verbunden und wehrt sich später, vor allem als Jüdin, durch die „Nationale Konferenz der Christen und Juden" für ihre Arbeit geehrt zu werden (Hardy & Sexl 2002., 116).

Mit 20 Jahren bereitet sich Lise auf die Externistenmatura vor. Als vier von 14 Mädchen besteht sie die schwierige Prüfung und inskripiert 1901 an der Uni Wien. Lise belegt die Fächer Physik, Mathematik und Philosophie und besucht ab 1902, vier Jahre lang den Vorlesungszyklus über theoretische Physik bei Ludwig Boltzmann (ebd., 24ff). 1906 promoviert Meitner und war somit einer der ersten Frauen, die einen Doktor in Physik an der Uni Wien erhielt. 1907 trifft Meitner auf den deutschen Begründer der Quantentheorie Max Planck, worauf eine 30jährige Forschungsarbeit in Deutschland folgt (ebd., 38ff). Gemeinsam mit dem gleichaltrigem Chemiker Otto Hahn forscht sie radioaktiven Präparaten. Mit 35 Jahren bekommt Meitner erstmals ein bescheidenes Gehalt und wird dadurch finanziell unabhängig.

Der Ausbruch des ersten Weltkrieges verlangsamt die Suche nach der Muttersubstanz des Actiniums, da sich Meitner unter anderem selbst als Röntgenologin an die österreichische Front versetzen lässt. Doch 1918 ist es endlich soweit, während ihrer Forschung findet sie ein neues aktives Element und bringt den Beweis, "dass es die Muttersubstanz des Actiniums ist" (ebd., 57). Es folgt viel Anerkennung für ihre Arbeit, wodurch sie eine eigene "Physikalisch-Radioaktive-Abteilung" am Kaiser-Wilhelm-Institut bekommt und schlussendlich 1919 den Titel Professor erhält (ebd., 60).

Als Hitler 1933 an die Macht kommt, verliert Lise Meitner, aufgrund ihrer jüdischen Abstammung, mehr und mehr an Befugnissen am Institut, bis sie schließlich illegal über die niederländische Grenze nach Schweden ins Exil fliehen muss (ebd., 81). Mit Hahn führt Meitner einen regen Briefaustausch über die gemeinsame Suche nach Transuranen, die er mit Fritz Straßmann in Deutschland fortsetzt. Die weiteren Versuche führen die Chemiker zur Kernspaltung, die Meitner mit ihrem Neffen und Physiker Otto Frisch in Schweden physikalisch deutet und erklärt. Der Nobelpreis geht dafür 1945 an Hahn, Meitner, Frisch und Straßmann bleiben dabei unerwähnt. Meitner kehrt zwar nochmals kurz in ihre geliebte "Heimat" Deutschland zurück, verbringt jedoch ihre letzten Jahre in Cambridge. Bevor sie im Oktober 1968 stirbt, erhält sie noch zahlreiche Auszeichnungen und Preise für ihre Arbeit (Mayr 2014).

Quellen:

  • Hardy, Anne & Sexl, Lore (2002): Lise Meitner. Rowohlt Taschenbuch Verlag: Reinbek bei Hamburg
  • Mayr, Lisa (2014): Ein Denkmal für die Physikerin. In: DieStandard.at: http://diestandard.at/2000002876158/Ein-Spaetes-Denkmal-fuer-die-Physikerin (15.3.2015)
  • Rife, Patricia (1990): Lise Meitner. Ein Leben für die Wissenschaft. Classen Verlag: Düsseldorf
  • Link 1: http://de.wikipedia.org/wiki/Lise_Meitner (15.3.2015)
  • Link 2: http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Hahn (20.4.2015)
  • Link 3: http://lise.univie.ac.at/physikerinnen/historisch/lise-meitner.htm (3.4.2015)
  • Link 4: http://www.onb.ac.at/ariadne/vfb/bio_meitner.htm (3.4.2015)
Kontakt

T: +43-1-4277-18452


Referat Genderforschung
Campus d. Universität Wien
Spitalgasse 2-4 / Hof 1.11
1090 Wien

Öffnungszeiten der
StudienServiceStelle:
DI 15-17 Uhr
Do 12-14 Uhr

Termine außerhalb der Öffnungszeiten sind nach Vereinbarung möglich.

Bibliothek:
DI 14-17 Uhr
DO 13-16 Uhr

E-Mail Studium:
spl.genderstudies@univie.ac.at

E-Mail allgemein:
office.rgf@univie.ac.at
Universität Wien | Universitätsring 1 | 1010 Wien | T +43-1-4277-0