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Gertrude Stein, 1874-1946 (von Johanna Jünger)

Repräsentation ist niemals unschuldig – dies gilt ebenfalls für Biografien bedeutender Persönlichkeiten. Die zahlreichen Beschreibungen Gertrude Steins Lebens weisen eine Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven, Lesarten und Schwerpunktsetzungen auf und verdeutlichen so, dass Biografien eigentlich als biographische Erzählungen verstanden werden müssen, die maßgeblich von den verschiedenen Interessen und Positionen der jeweiligen Autor_innen abhängig sind und stets eine bestimmte Wirkung/ein bestimmtes Bild erzeugen wollen. Die folgende Biografie über Stein bezieht sich nur auf wenige, kleine Teile ihres Lebens und kann damit nur als eine weitere mögliche Lesart ihres Lebens und ihrer Person verstanden werden. In meinen Schreiben über Gertrude Stein will ich mich auf das fokussieren, was ihre Persönlichkeit für mich maßgeblich charakterisiert – Ambivalenz, welche in allen Perspektiven, die man auf Steins Leben (als Künstlerin, Jüdin, Feministin, Lesbe etc..) werfen kann, sichtbar wird.

Gertrude Stein als ambivalente Persönlichkeit und Künstlerin – diesen Eindruck gewinnt man ob der extrem unterschiedlichen Darstellung ihres Lebens und Werkes in verschiedenen biografischen Erzählungen. In der Mehrzahl der Texte wird Stein als eine der ersten Autor_innen der klassischen literarischen Moderne bezeichnet und für den Begriff der "verlorenen Generation" verantwortlich gemacht; In ihrem Wirken als Schriftstellerin, Kunstsammlerin und Verlegerin wird Stein zur "literarischen Sensation" erhoben. Besonders zentral in der Darstellung ihres Lebens ist ebenfalls ihr Pariser Salon, der jahrelang beliebter Treffpunkt von Maler_innen, Schauspieler_innen und Schriftsteller_innen war und sich zu einem Zentrum der schriftstellerischen und malerischen Avantgarde entwickelte. Fast alle Arbeiten über Stein stellen sie als eine der bemerkenswertesten Figuren der Pariser Boheme seit Anfang des Jahrhunderts dar. Im Gegensatz zu vielen Stimmen, die Gertrude Stein auch heute noch gern als die "Mutter der Moderne" (Thornton Wilder) betrachtet wissen möchten, sind sind andere Quellen der Ansicht, dass ihre Bedeutung als Schriftstellerin für die zeitgenössische amerikanische Literatur bisher weit überschätzt worden sei.

Ambivalent ist ebenfalls Steins Darstellung als Feministin. Ab den 1970er-Jahren wurde Stein gelegentlich aufgrund ihres Lebens und Werks als eine Vorläuferin der feministischen Bewegung bezeichnet. Steins Verletzung der literarischen Normen - der experimentelle Gebrauch von Sprache und Form- wurde von feministischen Kritiker_innen als eine bewusste Ablehnung der patriarchalischen literarischen Tradition angesehen; zudem lobten Steins Behandlung der Geschlechterrollen in ihrem Werk. Viele Stimmen sprachen allerdings auch von Steins widersprüchlichem Verhältnis zum Feminismus, dessen Theorien sie nicht teilen würde; in dieser Debatte wird stets auch ihre Verehrung der misogynistischen und antisemitischen Schriften Otto Weiningers thematisiert. Offensichtlich sei aber ihr Zorn gegen die patriarchalische jüdisch-christliche Gesellschaft gewesen; so schreibt sie in einem ihrer Werke "patriarchal poetry is patriotic poetry is patriarchal poetry is the same.”

Auch zu Steins politischen Ansichten und Einstellungen herrschen in der Literatur geteilte Meinungen; während sie einerseits in vielen Quellen als Sympathisantin des NS-Regimes, Kollaborateurin und pro-faschistisch eingestellt gezeichnet wird, widersprechen dem andere Stimmen vehement und betonen ihre Kritik an Hitler, Stalin und anderen "great men". Kritik erntete Stein zudem für die Ausblendung der Zwangslage des europäischen Judentums während des zweiten Weltkrieges in ihrem Werk. Andere Betrachtungen wiederum widersprechen dieser These und weisen auf schlechte Recherche, die enthistorisierte Betrachtungsweise und das bewusste Missverstehen Steins Äußerungen und Sichtweisen hin.

Nach meiner Recherche kann ich nur eines mit Sicherheit behaupten: Gertrude Steins Leben und Werk ist von Widersprüchen und Paradoxien durchzogen – dies macht jede "eindeutige" und eindimensionale Darstellung ihrer Person unglaubwürdig und unrealistisch.

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