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4. Ringvorlesung: Ein Kanon ganz für uns allein? (2005)

4. Ringvorlesung Gendered Subjects im Rahmen des Basismoduls zum interfakultären Studienschwerpunkt Gender Studies

Konzept und Koordination: Marlen Bidwell-Steiner

Die Monumente und Artefakte abendländischer Kultur waren feministischen wissenschafterInnen seit jeher zentraler Prüfstein für eine kritische Revision, weil sie den zweifachen Ausschluss von Frauen abbilden: Einerseits kommen Frauen als ProduzentInnen kaum vor, andererseits bleiben die Spuren weiblicher Lebenshorizonte darin marginal oder zum männlichen Phantasma verzerrt. Besonders deutlich maniferstiert sich die Übermact patriarchal geprägter Norme in den diversen Kanones der Literaturwissenschaft, der Philosophie, der Theologie, etc. Die ursprüngliche Wortbedeutung "Richtschnur. Meßrute" des Begriffs haben Frauen im Lauf der Gechichte nur zu deutlich erfahren. Entweder stolperten sie schon zu Lebzeiten über Wertungen und Wertvorstellungen, oder sie wurden von der (männlichen) Nachwelt wieder aus dem Kanon katapultiert.

Feministische Kanonkritik besteht zunächst im Aufzeigen blinder Flecken und der Reklamation einer weiblichen Memoria. In Folge wurde der Prozess der Kanonbildung per se dekonstruiert, indem er als patriarchales Machtinstrument entlarvt wurde (Tuana 1995; Wiko 1998). Längst haben aber Feministinnen und Genderforscherinnen ihren eigenen Kanon geschaffen: Virginia Woolf, Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Judith Butler ... sind unumgängliche Ikonen der Frauen- und Geschlechterforschung.

Die Ringvorlesung verfolgte also ein zweifaches Ziel: Einerseits sollten tradierte Kanones kritisch reflektiert werden, andererseits solltr eine Revision der eigenen Positionen erfolgen: Warum hat der tradierte Kanon nach wie vor einen derartigen Stellenwert? Welches "Wir" verbirgt sich hinter den jeweiligen Kanones? Bedingt ein Neuschreiben des Kanons (Witt 1996) ene gendesensible Erweiterung des kulturellen Gedächtnisses? Braucht denn die Frauen- und Geschlechterforschung einen eigenen Kanon? Und: existiert ein feministischer Kanon mit überregionaler Gültigkeit? Wie verhalten sich die feministische zu den Malestream-Kanones?

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