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18. Ringvorlesung Gender Studies "Recht und Geschlecht"

Öffentliche Vortragsreihe unter der Leitung von Elisabeth Holzleithner, Universitätsprofessorin für Rechtsphilosophie und Legal Gender Studies an der Universität Wien, in Zusammenarbeit mit dem Referat Genderforschung der Universität Wien.

Die Benachteiligung aufgrund des Geschlechts war nie ein bloßes soziales Phänomen. Vielmehr wurde (und wird) sie durch Recht normativ abgesichert und "legitimiert". Schon aus diesem Grund musste eine Politik der Geschlechtergleichstellung immer auch Rechtspolitik sein, ging es doch darum, rechtliche Benachteiligungen abzubauen und im Weiteren das Recht als Medium zur Gleichstellung einzusetzen. Schließlich ist Recht ein bedeutendes Mittel zur Steuerung der Gesellschaft; es ist demokratisch legitimiert, auf die Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet und wird in institutionalisierter Weise durchgesetzt. 

Die Vorträge der Ringvorlesung widmen sich der Frage, ob solche Hoffnungen berechtigt sind. Dabei wird zunächst ideengeschichtlich angesetzt: Im Rahmen einer umfassenden Geschlechterhierarchie wurde "Frau sein" zunächst gar nicht als mit der aufklärerischen Idee freier Entfaltung vereinbar gesehen – unter Berufung auf die Natur der Geschlechter ebenso wie auf die ihnen zugeschriebenen typischen Räume, Öffentlichkeit und Privatheit. Diese Dichotomie ist auch ein zentraler Faktor für mangelnde Berücksichtigung von Frauenrechten als Menschenrechten, da wesentliche – im Privaten liegende – Gefährdungslagen gar nicht wahrgenommen werden konnten. Neue Komplexitäten der Wahrnehmung von Geschlecht wie von weiteren, mit dem Geschlecht verwobenen Diskriminierungsgründen werden im menschenrechtlichen Kontext, im europäischen Antidiskriminierungsrecht, aber auch im Flüchtlingsrecht untersucht. Und schließlich wird die Frage der Rechtsfindung als Frage nach der Handlungsmacht von JuristInnen gestellt – und danach, in welcher Weise Strukturen der Rechtsfindung gendersensibel gestaltet werden können.

Alle Vorträge der Ringvorlesung sind öffentlich und können auch als Lehrveranstaltung im Masterstudium Gender Studies, im Erweiterungscurriculum Anwendungen Gender Studies und im Wahlfachkorb Legal Gender Studies absolviert werden (LV-Anmeldung und Zusatztermine erforderlich). Opens external link in new windowZum Vorlesungsverzeichnis

Ort: Dachgeschoß des Juridicums, Schottenbastei 10-16, 1010 Wien

Termine

10.10.2017, 18.30 Uhr

Elisabeth Holzleithner: Einführung 

Elisabeth Holzleithner ist Universitätsprofessorin für Rechtsphilosophie und Legal Gender Studies an der Universität Wien. Sie ist Leiterin des Instituts für Rechtsphilosophie der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, Sprecherin des Forschungsverbundes Gender und Agency (seit Mai 2017), Mitglied des Forschungszentrums "Menschenrechte" und Mitglied der Forschungsplattform "Religion and Transformation in Contemporary Society". Sie wurde mehrfache  für ihre Forschungsleistungen ausgezeichnet (Käthe-Leichter-Preis für die Frauengeschichte der Arbeiterinnen und Arbeiter, Gabriele-Possaner-Staatspreis, Österreichischen Frauenringpreis). Forschungsschwerpunkte: Politische Philosophie mit Schwerpunkt auf Menschenrechten und Theorien der Gerechtigkeit; Legal Gender & Queer Studies; Recht und Literatur, Recht und Populärkultur. Opens external link in new windowMehr über Elisabeth Holzleithner


24.10.2017, 18.30 Uhr

Friederike Wapler: "Die Frau ist frei geboren – Feministische Perspektiven in der Rechtsphilosophie"

Gleiche Freiheit für alle – dieses Ziel gehört zu den großen Versprechungen des Rechts, von denen die europäische und amerikanische Geschichte geprägt wurde. Jedoch wurde und wird kontrovers diskutiert, was es bedeutet, "gleich" zu sein und aus welchen Gründen Menschen berechtigterweise "ungleich" behandelt werden dürfen. Das Geschlecht ist ein anschauliches Beispiel für diese Diskussion – über viele Jahrhunderte galt die "Natur der Frau" als Rechtfertigung, ihr wesentliche Rechte vorzuenthalten und ihren Aktionsradius auf die häusliche Sphäre zu beschränken. Der Vortrag zeichnet die ideengeschichtliche Entwicklung dieses Denkens bis in die heutige Zeit aus geschlechterkritischer Perspektive nach und wirft ein Licht auf die vielfältigen Ansätze feministischer Kritik, die sich bis heute in rechtspolitischen Debatten widerspiegeln.

Friederike Wapler ist seit 2016 Inhaberin des Lehrstuhls für Rechtsphilosophie und Öffentliches Recht an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören neben Geschichte und Gegenwart der feministischen Rechts- und Sozialphilosophie das Recht der Kindheit, Jugend und Familie sowie Fragen der demokratischen Gleichheit und sozialen Gerechtigkeit in pluralistischen Gesellschaften. Opens external link in new windowMehr über Friederike Wapler  


07.11.2017, 18.30 Uhr

Silvia Ulrich: Frauenrechte als Menschenrechte

Trotz der egalitären Versprechungen in den Anfängen des Konstitutionalismus und in den ersten Menschenrechtsverträgen blieb der Schutz von Frauen eine hochproblematische Leerstelle. Androzentristische Grundannahmen haben die Menschenrechtskonzeption wesentlich beeinflusst und die Effektivität der Menschenrechte für Frauen minimiert. Zur Beseitigung dieser Schutzdefizite wurde die Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW) verabschiedet. Sie gilt als die „Magna Charta der Frauenrechte“, weil sie die Lebensrealitäten und Diskriminierungserfahrungen von Frauen in den Mittelpunkt rückt. Der Vortrag wird die Bedeutung des Konzeptes „Frauenrechte als Menschenrechte“ beleuchten und zugleich die aktuellen Herausforderungen in den Blick nehmen, die mit diesem Ansatz verbunden sind.  

Silvia Ulrich ist Universitätsprofessorin für Legal Gender Studies, Diversity und Antidiskriminierungsrecht an der Johannes Kepler Universität Linz und Vorständin des Instituts für Legal Gender Studies. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen ua Genderdimensionen der Grundrechte, Diskriminierungsschutz und positive Maßnahmen auf nationaler und internationaler Ebene. Opens external link in new windowMehr über Silvia Ulrich


21.11.2017, 18.30 Uhr

Christa Tobler: Geschlechterdiskriminierung im Europarecht in Gemengelagen mit anderen Gründen

Seit langem kennt das Recht der EU das vor allem wirtschaftsrechtliche Verbot der Diskriminierung wegen der Staatsangehörigkeit und das Verbot der Diskriminierung wegen des Geschlechts, das meist dem Sozialrecht zugeordnet wird. Erst später kamen die Diskriminierungsgründe der sexuellen Ausrichtung, der 'Rasse', der ethnischen Herkunft, der Religion oder der Weltanschauung, einer Behinderung und des Alters hinzu. Wie aber spielen sie mit dem Geschlecht zusammen? Die Vorlesung bietet einen knappen Überblick über die relevante Gesetzgebung und wendet sich sodann der intersektionellen Diskriminierung zu, wo das Problem in einer Kombination von Gründen liegt, wo also z.B. die benachteiligende Behandlung ausschließlich Frauen in fortgeschrittenem Alter trifft. Rechtliche Schwierigkeiten können sich aber auch in anderen Fällen von Mehrfachdiskriminierung ergeben.

Christa Tobler ist Professorin für das EU-Recht bzw. das Recht der europäischen Integration an den Universität Leiden (Niederlande) und Basel (Schweiz). Sie ist Expertin der Europäischen Kommission im Opens external link in new windowEuropean Equality Law Network). Ihre Habilitation widmete sich der Entstehung des Rechtsbegriffs der indirekten Diskriminierung im damaligen EG-Recht. Im Bereich der Lehre ist sie Mitbegründerin des Opens external link in new windowEU Law in Charts Project


05.12.2017, 18.30 Uhr

Ines Rössl und Petra Sußner: Flucht in die Kategorie: Gender und sexuelle Orientierung im Flüchtlingsrecht

Das Flüchtlingsrecht knüpft an menschenrechtliche wie diskriminierungsrechtliche Grundgedanken an. Über seine dynamische Weiterentwicklung ermöglicht es die Berücksichtigung komplexer Gefährdungen auch in Zusammenhang mit Geschlecht und sexueller Orientierung. Seine Kategorien scheinen gegenüber einem elastischen und intersektionalen Verständnis bemerkenswert offen. Die Asylrechtsprechung ist in ihrer Handhabung allerdings vielfach inkonsistent. Wie kommt es, dass bestimmte Fallkonstellationen viel eher die Chance haben, als asylrelevant anerkannt zu werden, als andere? 

Der Vortrag führt zunächst in die Grundlagen von Geschlecht und Sexualität im Flüchtlingsrecht ein. Darauf aufbauend diskrutieren wir anhand praktischer Beispiele unterschiedliche Arten kategorialer Bezugnahme und deren normative Implikationen. Welchen Unterschied macht es, ob Verfolgung als politische Verfolgung oder als Verfolgung aufgrund einer bestimmten sozialen Gruppe konzipiert wird? Welche Rolle spielt Heteronormativität als mehrdimensional verfasstes Erwartungs- und Ordnungsregime? Inwieweit vermittelt die flüchtlingsrechtliche Dichotomie von Verfolgung und Schutz (I)llegitimität von Gewalt? 

Petra Sußner ist Dissertantin am Institut für Rechtsphilosophie. Zuletzt absolvierte sie im Rahmen des Migration Law Research Programme Forschungsaufenthalte an der Freien Universität Amsterdam und war Stipendiatin des Initiativkollegs Gender, Violence and Agency in the Era of Globalization an der Universität Wien. Neben ihrer universitären Tätigkeit war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Österreichischen Verwaltungsgerichtshof beschäftigt, hat in der Parteienvertretung gearbeitet und ist Obperson der Vereins Queer Base, Welcome and Support for LGBTIQ Refugees. Ab April 2018 wird sie im Rahmen der ForschungsgruppeRecht – Geschlecht – Kollektivität: Prozesse der Normierung, Kategorisierung und Solidarisierung (DFG) in Berlin tätig sein.

Ines Rössl ist seit Oktober 2017 Universitätsassistentin (Prae-Doc) am Institut für Rechtsphilosophie der Universität Wien. Sie war u.a. als wissenschaftliche Projektmitarbeiterin an der Universität Wien und als Rechtsanwaltsanwärterin mit Spezialisierung auf Asylrecht sowie als Universitätsassistentin am Institut für Legal Gender Studies der Johannes Kepler Universität Linz tätig. Sie ist zudem langjähriges Redaktionsmitglied der Zeitschrift "juridikum. zeitschrift für kritik | recht | gesellschaft".


09.01.2017, 18.30 Uhr

Nikolaus Benke: Wie soll die Handlungsmacht von Jurist_innen beschaffen sein? Gedanken zu gendersensiblen Strukturen der Rechtsfindung

Rechtsfindung - also das Anwenden wie das Gestalten von Rechtsnormen - ist weitgehend ein Monopol der Jurist_innen. Wie Rechtsfindung geschieht, hängt primär davon ab, wie Jurist_innen empfinden und wahrnehmen, wie sie denken und handeln. Das gängige Objektivitätsparadigma des Juristischen kann aus der Notwendigkeit verstanden werden, Willkür zu vermeiden, geht aber mit dem missverständlichen Versprechen einher, geschlechtsneutrale Formatierungen würden Geschlechtergerechtigkeit schaffen. Im Fokus steht die Frage, welche Eigenheiten den juristischen Diskurs bestimmen und welche Maßnahmen sich empfehlen, die gendersensible Gestaltung dieses Diskurses zu verbessern. Dabei ist die Rolle jener Bildungsprozesse besonders zu beachten, welche die persönlich-professionelle Identität von Juristinnen und Juristen nachhaltig prägen.

Nikolaus Benke, seit 1993 Universitätsprofessor am Institut für Römisches Recht und Antike Rechtsgeschichte der Universität Wien, Institutsvorstand seit 2000. Gleichbehandlungsbeauftragter der Universität Wien 1991-2001, Mitglied der Schiedskommission der Akademie der Bildenden Künste 2004-2011. 2009-2015 Stellvertretendes Mitglied Österreichs im „Experts‘ Forum“ des „European Institute of Gender Equality“ (EIGE) in Vilnius, Litauen.
Koordinator des Wahlfachkorbes Legal Gender Studies; Mitglied der Faculty des Gender Studies Initiativ Kolleg der Universität Wien; Stellvertretender Leiter (neben Gabriella Hauch und Birgit Sauer) des von der Universität Wien eingerichteten Forschungsverbundes „Geschlecht und Handlungsmacht“ („Gender and Agency“); zusammen mit Elisabeth Holzleithner Mitglied des Anti-Sexismus-Beirates des Österreichischen Werberates.
Veröffentlichungen zum Römischen Recht, zu ausgewählten Fragen des geltenden Rechts, im Bereich Anti-Diskriminierung und Legal Gender Studies sowie zur Jurist_innenausbildung. Opens external link in new windowMehr über Nikolaus Benke

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