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Mary Wollstonecraft (von Lucia Wieger)

In aktuellen wissenschaftlichen Diskursen ist Mary Wollstonecraft vor allem bekannt als Autorin eines der grundlegenden Texte feministischer Theorie und Wissenschaft. A Vindication of the Rights of Woman (1791),verfasst als Reaktion auf die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche während der Französischen Revolution, wurde von Frauenbewegungen in den USA und Europa ab den 1960er Jahren aufgegriffen und in einem aktuellen gesellschaftskritisch feministischen Kontext wiedergelesen. Dabei liegt der Fokus der feministischen Diskurse auf Wollstonecrafts Forderungen nach Gleichheit der Geschlechter vor dem Recht und einer grundsätzlichen Umstrukturierung der gesellschaftlichen Ordnung. Ihre Auseinandersetzung mit pädagogischen Themen, ihre Argumentation, dass der Zugang zu Bildung für Frauen deren gesellschaftliche Position verändern würde und ihre Ansichten zur Ehe wurden lange Zeit nicht thematisiert. Erst ab Mitte der 1990er Jahre begannen sich Wissenschafter_innen auch mit diesen Schwerpunkten in Wollstonecrafts Arbeiten zu beschäftigen.

Wollstonecrafts Leben und Schaffen ist in den letzten Jahrzehnten ausführlich und von vielen verschiedenen Blickpunkten aus, seien es feministische, literaturwissenschaftliche, gesellschaftspolitische oder historische, beleuchtet worden. Sie wird als eigenständige und selbstbewusste Frau und 'radikale Feministin' beschrieben (vgl. u.a. Brody 2004: xxvi), die einerseits ihrem Wunsch nach finanzieller und persönlicher Unabhängigkeit zielstrebig nachging, ihre sozialen Beziehungen zu, vor allem, Männern in ihrem intellektuellen Umfeld pflegte und in ihren Werken Kritik an der politischen und gesellschaftlichen Situation im Europa und der USA des 18. Jahrhunderts übte. Andererseits heben biografische Texte Wollstonecrafts emotionale und fürsorgliche, aber vor allem auch ihre verletzliche Seite hervor und stellen sie als Frau dar, die in ihren emotionalen Eigenschaften und ihrer psychischen Konstitution auch dem gesellschaftlichen Bild einer Frau zu ihrer Zeit entsprach.

Wie kann das Leben einer Frau dargestellt werden, von der so viele verschiede Bilder in unterschiedlichen Kontexten und Diskursen konstruiert wurden? Vielleicht sind es gerade diese entgegengesetzten Bilder Wollstonecraft, die eine Darstellung ihres Lebens interessant und spannend machen. Eine Frau, die einerseits den gesellschaftlichen Gegebenheiten und Erwartungen ihrer Zeit entsprach und sich diesen aber gleichzeitig widersetzte. Im Folgenden werde ich versuchen, Wollstonecrafts Leben in diesem paradoxen Zusammenhang darzustellen und in einem repräsentationskritischen Diskurs zu interpretieren und zu (re)konstruieren (vgl. Schade/Wenk 2011: 120, Castro Varela/Dhawan 2007: 41). Dabei beziehe ich mich auf eine Auswahl der unzähligen Quellen und biografischen Erzählungen über Wollstonecraft sowie auf primäre Texte.

Mary Wollstonecraft wurde 1759 als zweites von sechs Kindern einer Bauernfamilie in London geboren. Während Wollstonecrafts Kindheit wechselte die Familie mehrere Male den Wohnsitz. In dieser Zeit war die Familiewiederholt mit finanziellen Verlusten und unbeständigen Lebensverhältnissen konfrontiert. Die Mutter und Geschwister versuchte Wollstonecraft vor der Gewalttätigkeit des Vaters zu schützen. Als Mädchen und als Tochter einer mittellosen Bauernfamilie war Wollstonecrafts Zugang zu Bildung beschränkt. Während ihrer Kindheit und Jugend eignete sie sich ihr Wissen und ihre Fähigkeit zu Schreiben vor allem autodidaktisch durch den Briefwechsel mit ihrer Freundin Fanny Blood an. Die Eltern unterstützen die Tochter nicht in ihrem Wunsch nach Bildung.

Mit neunzehn verließ Wollstonecraft den Haushalt ihrer Eltern mit dem Ziel, ein finanziell unabhängiges und selbständiges Leben zu führen. Ihre Dienstverhältnisse als Hausangestellte, Erzieherin und Lehrerin während dieser Zeit entsprachen den beruflichen Möglichkeiten einer Frau im 18. Jahrhundert. Gleichzeitig prägten diese Arbeiten aber ihre sozialen, moralischen und politischen Standpunkte, die sie später in ihren Werken behandelte.

1784 gründete Wollstonecraft gemeinsam mit ihren Schwestern Eliza und Everina und Fanny Blood eine Schule in Newington Green, einem Vorort von London. Hier lernte sie einen Kreis liberaler Intellektueller, unter anderen ihren späteren Mentor Richard Price und ihren Verleger Joseph Johnson, kennen. In diesem Rahmen und unterstützt durch Johnson, konnte Wollstonecraft ihre politischen und moralischen Studien weiter vertiefen. Sie begann Rezensionen und Übersetzungen für Johnsons Zeitschrift Analytical Review zu schreiben und publizierte 1787, in einer Phase emotionaler und psychischer Erschöpfung nach dem Tod Fanny Bloods,ihren ersten politischen Text zur Erziehung und Bildung von Mädchen Thoughts on the Education of Daughters.

Als Reaktion auf die politischen Diskussionen zur französischen Revolution in England verfasste Wollstonecraft ihre politischen Manifeste A Vindication of the Rights of Men (1790) und A Vindication of the Rights of Woman(1791). Darin trat sie für eine grundlegende strukturelle Veränderung gesellschaftlicher Systeme und die rechtliche Gleichheit von Frau und Mann ein.

Während ihres Aufenthaltes in Paris ab 1792 lernte Wollstonecraft Gilbert Imlay kennen und begann eine Liebesbeziehung mit ihm, die von Enttäuschungen und Verletzungen durch Imlay geprägt war. 1794 brachte Wollstonecraft in Frankreich ihr erstes Kind, Fanny, zur Welt. Gemeinsam mit ihrer Tochter unternahm sie Reisen und verfasste Reiseliteratur unter anderen Letters Written During a Short Residence in Sweden, Norway, and Denmark (1796). Ihre emotionale Bindung zum Vater des Kindes, seine wiederholte Abweisung und Untreue löste bei Wollstonecraft eine schwere Depression aus. Zwei Selbstmordversuche waren die Folge.

Nach ihrer Rückkehr nach London traf Wollstonecraft William Godwin, den Vater ihres zweiten Kindes Mary. Nach einer scheinbar glücklichen und gleichberechtigten, aber kurzen Ehe starb Wollstonecraft 1797 wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter in London.

Literatur:

  • Maria do Mar Castro Varela/Nikita Dhawan, Migratoin und die Politik der Repräsentation, in: Anne Broden/Paul Mecheril (Hg.), Re-Präsentationen. Dynamiken der Migrationsgesellschaft, Düsseldorf 2007, S. 29-46.
  • Bridget Hill, The links between Mary Wollstonecraft and Chatharine Macaulay: new evidence, in: Women´s History Review, Vol. 4, Nr.2, 1994, Wallingford, S. 177-192.
  • Claudia Johnson (Hg.), The Cambridge companion to Mary Wollstonecraft, Cambridge (u.a.) 2002.
  • Salma Maoulidi, Mary Wollstonecraft: challenges of race and class in feminist discourse, in: Women´s Studies Quarterly, 35/2007, Nr. 3&4, New York 2007, S. 280-286.
  • Sigrid Schade/Silke Wenk (Hg.), Studien zur visuellen Kultur. Einführung in ein transdisziplinäres Forschungsfeld, Bielefeld 2011, S. 104-120.
  • Sylvana Tomaselli, "Mary Wollstonecraft", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Summer 2014 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL = <http://plato.stanford.edu/archives/sum2014/entries/wollstonecraft/>. (11.3.2015)
  • Mary Wollstonecraft, A Vindication of the Rights of Woman[1792], Miriam Brody (Hg.), überarb. Ausgabe, London 2004.
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