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Josephine Baker (von Agnes Fülöp)

Kurzbiographie Josephine Baker1: amerikanisch-französische Tänzerin, Sängerin, Schauspielerin, Résistance-Kämpferin, Spionin, Pilotin, Sub-Lieutenant, Bürgerrechtlerin, Adoptivmutter

Als Achtjährige habe ich schon gearbeitet, um den Hunger meiner Familie zu stillen.
Ich habe gelitten: Hunger, Kälte –  
Ich habe eine Familie
Sie sagten, ich sei häßlich
Daß ich tanze wie ein Affe
Dann war ich weniger häßlich – Kosmetik
Ich wurde ausgepfiffen
Dann wurde mir applaudiert – Die Menge
Ich tanzte weiter – ich liebte Jazz
Ich sang weiter – ich liebte Traurigkeit; meine Seele ist krank
Ich hatte eine Gelegenheit – Schicksal
Ich hatte ein Maskottchen – ein Panther –
Ahnenaberglauben –
Ich machte eine Welttournee – In der dritten Klasse und im Pullman
Ich bin moralisch
Sie sagten, ich wär das Gegenteil
Ich rauche nicht – ich habe weiße Zähne
Ich trinke  nicht – ich bin Amerikanerin
Ich habe einen Glauben
Ich bete Kinder an
Ich liebe Blumen
Ich helfe den Armen – ich habe viel gelitten
Ich liebe die Tiere – sie sind die ehrlichsten
Ich singe und tanze noch – Beharrlichkeit
Ich verdiene viel Geld – ich liebe das Geld nicht
Ich spare mein Geld – für die Zeit, in der ich keine Attraktion mehr bin

(Autobiographisches Prosagedicht von Josephine Baker, zit. n. ROSE 1990: 215f)

"The hate directed against the colored people here in St. Louis has always given me a sad feeling because when I was a little girl I remember the horror of the East St. Louis race riot. I was very tiny but the horror of the whole thing impressed me so that here today at the age of forty five years I can still see myself standing on the west bank of the Mississippi looking over into East St. Louis and watching the glow of the burning of Negro homes lighting the sky. (...) So with this vision I ran and ran and ran. I wanted to find freedom of soul and spirit. I wanted to do things to help freedom come to my people. I was ready to fight, if necessary to obtain it. I wanted to feel that I was a human being and that we were all human beings.” (Josephine Baker, Speech in St. Louis on the 3rd of February 1952, BAKER 1952)

“Angesichts der Fülle von Fakten, Lebensereignissen, Begegnungen mit und Beziehungen zu anderen Menschen ist eine wirkliche Abbildung des Lebenslaufes in der Biographie von vornherein unmöglich. Der Biograph ist vielmehr dazu verpflichtet, auszuwählen, abzuwägen, zu gewichten und selbst Details zu unterdrücken.“ (ZIMMERMANN 2005: 9)

Freda Josephine McDonald wurde am 3. Juni 1906 in St. Louis, Missouri als Tochter einer Waschfrau und eines Schlagzeugers geboren. In der Grundschule war Josephine als schwarzes, aus ärmlichen Verhältnissen stammendes Mädchen häufigem Spott ausgesetzt, weswegen sie sich – laut ihren Biograph*innen – als Klassenclown die Gunst ihrer Mitschüler*innen zu verdienen versuchte (z.B. CARAVANTES 2015: 2). Um ihre Familie finanziell zu unterstützen nahm das Mädchen im Alter von 7 Jahren erste Jobs an, unterbrach schließlich ihre Schullaufbahn und arbeitete als Dienstmädchen für wohlhabende Weiße. Im Juli 1917 erlebte Josephine die Rassenunruhen von East St. Louis mit, ein Ereignis, das die damals 11-Jährige nach eigener Aussage stark prägte und ihr späteres Engagement gegen Rassismus mitbegründet hat.

Im Alter von 13 Jahren riss Josephine von zu Hause aus und arbeitete fortan als Kellnerin in einem Club. Durch den Besuch von Tanz-Shows verfestigte sich in ihr der Wunsch als Tänzerin tätig zu werden. Die folgenden Jahre waren von unzähligen Auftritten in Clubs und Theatern geprägt. Ihr ungewöhnlicher Tanzstil - bewusst unbeholfen und mit komödiantischen Elementen - kam beim Publikum gut an. 1925 beschloss sie ihr Glück in Paris zu versuchen und gelangte dort schnell mit ihren als "exotisch" und "wild" geltenden Shows zu Berühmtheit. Das Spiel mit kolonialen Phantasien und rassistischen Mythen beherrschte Josephine perfekt. Ihren sexualisierten schwarzen Frauenkörper stellte sie auf selbstermächtigende Weise zur Schau, irritierte, faszinierte, und konfrontierte das vorwiegend weiße Publikum durch ihre Tänze nicht nur mit den Produkten seines eigenen Rassismus (DIEHL 2009), sondern auch mit seinen Normen, Werten und Moralvorstellungen, sowie mit seinen gesellschaftlichen Zwängen etwa im Hinblick auf Weiblichkeitsbilder und Sexualmoral. Als flapper girl der 1920er Jahre repräsentierte Josephine einen gänzlich neuen Frauentyp: jung, emanzipiert, selbstbewusst und frech. 1936 reiste sie nach Amerika, um auch in ihrem ursprünglichen Heimatland den Durchbruch zu wagen, kehrte aber wenig später angesichts rassistisch motivierter Feindseligkeiten und genereller Ablehnung nach Frankreich zurück. Das Herumschlagen mit Auftrittsverboten, rassistischer Hetze und Diffamierungen blieben der jungen Frau allerdings auch in Europa nicht erspart.

"Die Phantasie der Weißen hat es wirklich in sich, wenn’s um Schwarze geht. "(Josephine Baker, zit. n. ROSE 1990: 121)

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges trat Josephine Baker vor den französischen Truppen auf, arbeitete für das französische Rote Kreuz, die Résistance und den Geheimdienst, machte den Pilotenschein und wurde Sub-Lieutenant. Nach Kriegsende wurde sie für ihre Verdienste mehrfach ausgezeichnet, erhielt etwa die Médaille de la Résistance  und das Croix de guerre.

Während der 1950er und 1960er Jahre reiste Josephine häufig in die USA und unterstützte die Bürgerrechtsbewegung in ihrem Kampf gegen die Rassentrennung bzw. -diskriminierung. 1963 hielt sie beim berühmten Marsch auf Washington eine der inoffiziellen Reden – die offiziellen Reden wurden von Männern gehalten.

Ab 1954 begann Josephine Kinder aus aller Welt zu adoptieren und wurde so Mutter von insgesamt 12 Kindern. Sie bezeichnete ihre Familie als „Regenbogensippe" und präsentierte diese nach außen hin gerne als glückliche Einheit (2). Nach einer Ruhepause nahm Josephine aus Geldsorgen das Showgeschäft wieder auf und starb schließlich 1975 in dem Jahr ihres 50. Bühnenjubiläums im Alter von 68 Jahren an einer Gehirnblutung.

"Biographien sollten insofern als Versionen wahrgenommen und beurteilt werden, in denen Lebensläufe aus spezifischer Perspektive mit spezifischen erzählerischen und rhetorischen Mitteln zu einem je bestimmbaren Darstellungsziel dargeboten werden." (Zimmermann 2005: 15)

Quellen:

  • CARAVANTES, Peggy (2015): The Many Faces of Josephine Baker: Dancer, Singer, Activist, Spy. Chicago: Chicago Review Press.
  • KÜHN, Dieter (1976): Josephine. Aus der öffentlichen Biographie der Josephine Baker. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • LONG, Jonathan J. (2005): „Von der Gesellschaftskritik zur Darstellungskritik Frauengestalten in den biographischen Arbeiten Dieter Kühns“, in: ZIMMERMANN, Christian von/ZIMMERMANN, Nina von: Frauenbiographik. Lebensbeschreibungen und Porträts. Tübingen: Gunter Narr Verlag, S. 325–337.
  • ROSE, Phyllis (1990): Josephine Baker oder Wie eine Frau die Welt erobert. Biographie. Wien/Darmstadt: Paul Zsolnay Verlag.
  • ZIMMERMANN, Christian von (2005): „Exemplarische Lebensläufe: Zu den Grundlagen der Biographik“, in: ZIMMERMANN, Christian von/ZIMMERMANN, Nina von: Frauenbiographik. Lebensbeschreibungen und Porträts. Tübingen: Gunter Narr Verlag, S. 3-16.

Endnoten:

(1) Eine biographische Auseinandersetzung mit dem Leben und der Person Josephine Bakers wird durch das Fehlen von zuverlässigen Quellen erschwert. Die von Marcel Sauvage herausgegebenen Memoiren von Josephine Baker, die von den meisten existierenden Biographien als Quellenmaterial herangezogen werden, können, wie der Baker-Biograph Dieter Kühn aufgezeigt hat (Kühn 1976), höchstens Aufschluss über eine in der Öffentlichkeit stehende Showfigur, nicht aber über die reale Person Josephine Bakers geben (ebd.: 11; vgl. auch Long 2005: 332ff). Dies gilt es bei sämtlichen Baker-Biographien und schließlich auch bei dem vorliegenden biographischen Kurzporträt mit zu bedenken.

(2) In jüngerer Zeit wird dieses Bild jedoch zunehmend in Frage gestellt und ihre Beziehung zu ihren Kindern, insbesondere zu ihrem schwulen Sohn vermehrt diskutiert (z.B. Guterl 2014; Theile 2009). Anlass zur Diskussion gibt auch ihre sexuelle Orientierung. Während in älteren Biographien ihre unzähligen Liebschaften zu Männern zur Sprache gebracht werden, wird in neueren (z.B. Cervantes 2015) darüber spekuliert, ob Josephine Baker bisexuell gewesen sei.

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